Werke von Peter Janssen dem Älteren (1844 - 1908)
Bildbeschreibung zu den Wandgemälden im Festsaal des Erfurter Rathauses
Der Kniefall Heinrich des Löwen vor Kaiser Friedrich Barbarossa, 1181, 312 x 415 cm
Quelle
: Dr. Dietrich Bieber, Peter Janssen als Historienmaler (Teil 2)
Rudolf Habelt Verlag GmbH - Bonn 1979
 

Hier klicken für vergößerte Ansicht


Das Bild weist auf ein Ereignis in der Reichspolitik hin, das seinen Abschluß in Erfurt fand. Der Welfe Heinrich der Löwe, Herzog von Bayern und Sachsen, unterstützte ursprünglich die Reichspolitik Kaiser Friedrichs I. und dessen Kampf gegen die universalen Herrschaftstendenzen des Papstes. Friedrich, der einen großen Teil Deutschlands Heinrich überlassen hatte, versuchte den Schwerpunkt seiner Politik nach Oberitalien zu verlegen. Heinrich aber verweigerte 1176 dem Kaiser die Heeresfolge gegen die um ihre Freiheit kämpfenden oberitalienischen Städte. Das hatte zur Folge, daß die Städte das geschwächte kaiserliche Heer bei Legnano besiegten Es trat eine ernstliche Entfremdung zwischen Barbarossa und Heinrich ein. Nachdem noch andere Schwierigkeiten hinzugekommen waren, wurde im Jahre 1180 die Reichsacht über Heinrich verhängt. Vergebens suchte er Widerstand zu leisten, aber er unterlag der vereinten Macht von Kaiser, Fürsten und Bischöfen. Im November 1181 unterwarf sich Heinrich der Löwe dem Kaiser in Erfurt, verlor jedoch den größten Tei1. seiner Länder und ging in die Verbannung. 

Heinrichs Kniefall fand in der Erfurter Klosterkirche St. Peter statt, der Versammlungsstätte des Reichstags. Dementsprechend versetzt Janssen die Szene in einen als mittelalterlich gekennzeichneten Kirchenraum: wir erblicken im Hintergrund eine als Wandbild vorzustellende Abendmahlsdarstel1ung, rechts ist der Raum begrenzt durch einen Pfeiler. 

Im Mittelgrund des Gemäldes hat der größte Teil des kaiserlichen Gefolges Platz genommen, während im Vordergrund für den Kaiser ein Podest, zu dem drei Stufen hinaufführen, errichtet ist. Auf der zweiten und dritten Stufe kniet, von einem weiten Mantel umhüllt, das Haupt von der Helmbrünne umschlossen, Heinrich der Löwe. Er stützt sich dabei auf der obersten Stufe mit den Händen vom Boden ab, so daß sein Knien eher wie eine zeremonielle Pflichtübung denn als wirkliche Demütigung vor dem Kaiser erscheint. Heinrichs Gesichtsausdruck, wie er sich vor allem in den fest aufeinandergepreßten Lippen zeigt, läßt keine innere Bewegung erahnen, und das entspricht seiner formel1en Demutshaltung. 

Ähnlich verhält sich der Kaiser. Er steht groß aufgerichtet ruhig vor seinem Thron und hat nur leicht das mit einem Kronreif bedeckte Haupt zu dem vor ihm knienden Vasallen geneigt. Dabei hat Friedrich die Hände seitwärts wie zu einer Versöhnungsgeste leicht angehoben und geöffnet. Er trägt einen schlichten, nur um die Schulter mit einem rautengemusterten Besatz geschmückten Mantel über dem in sich gemusterten Untergewand, aus dem die Ärmel andersfarbig herauskommen. Die Würde in Friedrics Gestalt wird unterstrichen durch den den Kaiser hinterfangenden dunklen Vorhang, der ihn vom Mittelgrund und damit von seinem Gefolge isoliert. Kaiser und kniefälliger Vasall begegnen sich - und das wird durch die Profilstellung der Hauptgestalten unterstrichen -n einer vorgeschriebenen und kontrolliert sblaufenden höfischen Handlung. Das kommt auch in der Handlung der Vertreter der Reichsstände zum Ausdruck: im Vordergrund rechts sitzt, ebenfalls im Profil, ein Kurfürst, der, das Schwert zwischen den Beinen, den Kniefall Heinrichs mit ernst-gelassenem Gesichtsausdruck verfolgt. Die links hinter ihm stehenden Fürsten, von denen der eine als Bischof mit Krummstab, Mitra und Kasel gekennzeichnet ist, blicken ebenso ernst, der weltliche Fürst fast grimmig, auf den knienden Heinrich. Dieser ist weiter zur Mitte hin wirkungsvoll - von zwei Kriegern von dem kaiserlichen Gefolge isoliert. 

So wird die Bedrohung, die Heinrich für das Reich bedeutete, in den wie warnend gegen ihn aufgestellten Kriegern mit aufgepflanzter Lanze deutlich. Die eigentliche Hauptszene im Vordergrund wird am linken Bildrand - kompositionell entsprechend dem rechts sitzenden Kurfürsten - durch den im verlorenen Profil einwärts ins Bild schauenden Hofbeamten, vor dem ein sitzender junger Schreiber gespannt den Fußfall des großen Vasallen beobachtet, und den hinter dieser Gruppe zur Seite gerafften Vorhang gerahmt. 

Die so statuarisch wirkende Szene des Vordergrundes ist auch im Mittelgrund kaum gelockert. Wir blicken zwischen den Kriegern und dem Bischof auf eine im Gespräch befindliche Gruppe, in der ein vorne sitzender dunkel gekleideter Fürst den hinter ihm befindlichen Würdenträgern mit der Linken das Geschehen 1m Vordergrund erläutert und sich dabei ihm zuwendet. Von links blickt ein bärtiger Kurfürst ernst auf den sich umwendenden Gesprächspartner. Rechts hinter dem Kurfürsten wird ein eigenartig dicker Kopf sichtbar, der wie der sich von hinten stehend vorbeugende Zuhörer eine lebendige, leicht humorvoll getönte Note in den Ernst der Situation bringt. Am rechten Bildrand schließen, indem sie über dem Kopf des vorne sitzenden Kurfürsten sichtbar werden, noch drei Personen des Gefolges den Mittelgrund nach hinten ab.

zurück